Unsere altgedienten Empörungsreflexe schlagen wieder an. Betrug am Verbraucher! Die kriegen den Hals nicht voll! Und wer ist der leidtragende? Die schwäbische Hausfrau. Ein neuer Skandal, ein neues Ausmaß. Leitartikel, Sondersendungen und Penetrations-Talks eröffnen ihr Trommelfeuer. Das Ziel sind die Empfänger, die Steuer- und Gebührenzahler, ja die Menschen. Die Sender laden erst neue Munition, wenn alle getroffen sind, sich alle empören.

Unsere Lasagne! Dieses deutscheste aller Importgerichte. Antibakteriell tiefgekühlt harrt sie auf Europaletten, in ständiger Hoffnung auf Tauwetter. Ordnungsgemäß geschichtet mit etwas Käsegarnitur, so sauber wie die D-Mark, so reich wie der Exportweltmeister der Herzen. Sicher, wer sich im Supermarkt für ein Mahl entscheidet, welches einem Billigarbeiter nicht einmal einen Stundenlohn kostet, benimmt sich wie ein Einkaufsclown. Der Lasagnekauf ist lediglich ein wahlloser versuch, auf dem eigenen Teller italienische Verhältnisse zu schaffen.

„Eine Lasagne, die nur fünf Euro kostet, würde ich nicht kaufen.“ Peer Steinbrück kann aufatmen – in dieser Angelegenheit. Der fleischige SPD-Paradewallach mit Hengstambitionen teilt jedoch ein Problem mit den Lasagneherstellern. Die liebe Glaubwürdigkeit trennt sich von ihm, sie macht Schluß. Sie kreuzt auf dem Willst-Du-mit-mir-gehen-Zettel eindeutig das Nein an – mit Edding. Dasselbe Nein schreit der aufgeverklärte [sic!] Verbraucher ab sofort auch den nicht wehrfähig gestapelten Tiefkühllasagnen entgegen.

Drei Arten der Nein-Sager gilt es in diesen sozialen Geschmacksfragen zu unterscheiden:

Zunächst der konkrete Moralist. Dieser schaufelt sich gern schon morgens ein Statuswurstbrot in die Kauleiste. Er ist Fleischfresser – und stolz drauf. Donnerstags nach dem Dienst und vor der Betriebsratssitzung schob er sich bisher wie selbstverständlich die RINDFLEISCHlasagne in den Backofen. Damit ist nun Schluss! Er kann es nicht genau erklären, aber den Verzehr von Pferdefleisch lehnt er aus moralischen Gründen ab. Diese grazilen Tiere – wir sind doch keine Barbaren! Eine natürliche Abneigung. Dieser Nein-Sager ist SPD-Stammwähler. Um der guten alten Zeit willen. Ein Arbeiter ist er schon lange nicht mehr, dennoch zog ihn die Romantik des angetäuschten Klassenkampfes stets zum roten Lager – bisher. Damit ist nun Schluss! Seitdem Kapitalist Steinbrück zum Zugpferd im Wahlkampf der Genossen erkoren wurde, steht seine Wahl fest: SPD ja – Pferdefleisch nein. Lasagne ja – Steinbrück nein.

Der zweite Typ des Nein-Sagers ist der differenzierte Moralist. Als Kind eines niedersächsischen Großbauers konnte er die Lebensmittelherstellung schon früh überblicken. Nie hat er verstanden, warum es einen Unterschied darstellen soll, ob nun ein Schwein, ein Hund oder ein Pferd geschlachtet und verspeist wird. Für ihn gilt: Genuss ohne Reue. Sein Problem mit dem Skandal liegt in der Etikettierung. Dies hat er auch seiner anonymen Verbraucherschutzgruppe mitgeteilt. Wo Pferd drin ist, muss auch Pferd draufstehen. Dieser Konsument ist ein Wechselwähler, der den Inhalt immer vor die Person stellt. Er kann nicht mitansehen, wie der Kanzlerkandidat ständig gebremst und verbogen wird, um nicht am nächsten Gemütsriff zu zerschellen. Auch der differenzierte Moralist wird den lieben Peer nicht wählen, weil er einen schröderesken Etikettenschwindel wittert. Er überlegt aber, seine eigene Pferdefleischlasagne auf den Markt zu bringen. Natürlich unmissverständlich gelabelt.

Schließlich die generelle Moralistin. Sie hat Klasse. Als mehrfache Akademikerin steht die 30-jährige mitten im Leben. Die vielen Auslandsaufenthalte und Praktika zahlten sich aus. Bereits seit zwölf Jahren zahlt sie in die Rentenkasse. Jedes Jahr ein neuer job – der eine besser als der andere. Nach der quotenfreien Vorstandsitzung holt sie ihre Kinder Julian und Malte, die sie alleine erzieht, mit der S-Bahn vom integrativen Hort ab. Die Fahrtzeit gibt ihr die Gelegenheit die Tagespresse durchzuarbeiten – kein Wort über Steinbrück. Zum Abendessen gibt es die Leibspeise der Kinder: Gemüselasagne. Die beiden Jungs leben gern vegetarisch. Da sie heute zum Reitunterricht geht, gibt sie die Kinder bei der Nennoma im dritten Stock ab. Toll, dieses energieneutrale Mehrgenerationenhaus. So kann Mutti den Anforderungen entsprechen. Sie wählt grün. Sie isst grün. Sie gewinnt?

Nach dem ausgiebigen Suhlen in einigen Fettnäpfchen wird der Kanzlerkandidat an die Kandare genommen und darf nun neben seinem Zureiter Sigmar Pop-Schockemöhle hertraben, auf jeden Schritt bedacht. Die deutsche Öffentlichkeit, die SPD-Wähler und sogar infratest dimap sähen aber lieber, wie Steinbrück sein Zaumzeug abstreift und zum gnadenlosen und unbeirrten Galopp ansetzt. Eine Befreiung aus allen rhetorischen Zwängen (mit der Garantie auf Rückschläge) ist das einzige Mittel, das dem Sympathiebolzen und Frauenhelden Steinbrück noch zu einem anständigen und aussichtsreichen Wahlkampf verhelfen könnte.

Im September seiner Karriere wird das Zoon Politikon Peer Steinbrück der bundesrepublikanischen Ratingagentur Vox.Populi zur Prüfung vorgestellt. Wenn es die triple-A-Hürde nicht nimmt, wird das Zugpferd von der Parteispitze abgedeckt. Der Konsument darf gespannt sein, welche Zutaten die sozialdemokratische Lasagne dann verfeinern.